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Wer oder was ist hier eigentlich spießig?

Würden Sie sich als spießig bezeichnen? Nein? Das würden die wenigsten. Sobald man einen geregelten Job hat, in einer festen Beziehung oder Ehe lebt, vielleicht auch Kinder bekommt und das Leben sich tendenziell in geordneteren, konventionelleren Sphären abspielt, begibt man sich in Bezug auf den Status Spießer jedoch unweigerlich auf gefährliches Terrain. Wie kommt es, das doch jeder Mensch einzigartig ist, wir uns aber dennoch für ähnliche Lebensmodelle entscheiden? Was heißt es überhaupt, spießig zu sein und was ist an diesem Etikett eigentlich so furchtbar schlimm?

Die Geschichte des Spießers

Der Spießer als Type ist ein Phänomen mit Tradition. Sein Name stammt aus dem Mittelalter und bezog sich ursprünglich auf arme Bevölkerungsgruppen, die lediglich Spieße zur Verfügung hatten, um ihre Stadt zu verteidigen. Erst im 19. Jahrhundert, in Zeiten großer wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Umbrüche, wurde er zum Negativ-Titel für all diejenigen, die nicht mit dem Fortschritt mitziehen wollten. Seit jeher war der Spießer nicht allein, so dass sich eine gewisse Spaltung des Bürgertums in zwei Gruppen vollzog: Auf der einen Seite das progressive, eher liberale Bildungsbürgertum – auf der anderen Seite das eher reaktionäre, der Tradition, dem Handwerk und Kleinhandel verbundene Kleinbürgertum.

Das Phänomen „Spießer“

Und das ist der Spießer bis heute geblieben: Der Inbegriff für Unbeweglichkeit und Konventionalität – mit unterschiedlichen Ausprägungen. Natürlich sind es immer die anderen, die „spießig“ sind, nie man selbst. Das geht beispielsweise aus einer Studie hervor, in der die Teilnehmer zu ihrer Wahrnehmung der Deutschen und ihrer eigenen Selbstwahrnehmung befragt wurden. So nannten 19% der Befragten „spießig“ als eine typisch deutsche Eigenschaft, während sich nur 3% selbst als spießig bezeichnen. 9% betitelten die Deutschen auch als Gartenzwergbesitzer – also geradezu ein Spießer-Synonym – während nur 1% angaben, selbst einen Zwerg im Gärtchen zu haben. Spießig sind meistens die anderen und diese als Spießer zu identifizieren, dient letztlich vor allem der Abgrenzung und dem Statement, dass man selbst genau das Gegenteil von spießig ist, nämlich offen, fortschrittlich und der Zukunft zugewandt. Aber sind wir das wirklich?

Werden wir immer spießiger?

Halten wir an dem, was gut ist, was altbewährt ist, was Generationen zuvor schon verfolgt haben nicht doch auch fest? Soziologen stellen fest: Die Generation Y (geboren zwischen 1980 bis zur Jahrtausendwende) wird immer „spießiger“. Auflehnung und Abgrenzung von den Eltern weicht mehr der Nachahmung vorgelebter Familien- und Lebensmodelle. Sicherheit genießt einen hohen Stellenwert. Das mag an politisch, wirtschaftlich und klimatisch verunsichernden Zeiten liegen oder einfach auch daran, dass das, was man vorgelebt bekommen hat, als gut empfunden wird, dass das Leben der Eltern nicht wie beispielsweise bei den 68ern als zutiefst negativ verurteilt wird.

Anpassung als Grundbedürfnis

Mehr als das ist der Prozess der Nachahmung und Anpassung aber auch einfach etwas zutiefst menschliches. Kinder lernen durch Imitation und Nachahmung – durch diese Fähigkeiten werden wir überhaupt erst zu sozialen Individuen. Aus Übereinstimmung, Gleichheit und Harmonie leiten wir außerdem unsere Zugehörigkeit zu anderen Menschen und Menschengruppen ab. Wer uns ähnlich ist, ähnliche Vorstellungen hat oder so ist, wie wir es gerne sein würden, der ist uns sympathisch. Gleichheit schafft nun mal Nähe und Vertrauen, während Ungleichheit Distanz herstellt. Anpassung und Übereinstimmung sind also unser sozialer Klebstoff und natürlich bedienen wir uns alle an ihm, denn niemand will allein sein. Letztlich strebt jeder nach sozialer Gebundenheit und Zugehörigkeit.

Die Macht der Übereinstimmung

Unser Drang zur Anpassung geht so weit, dass wir unbewusst sogar Gesten, Sprechweise und Verhalten von anderen im Gespräch nachahmen: wissenschaftlich benannt als der sogenannte Chamäleon-Effekt oder auch Spiegeltechnik. Das betrifft insbesondere kleine Gesten oder Abläufe, wie Lächeln, Gähnen, Berührungen im Gesicht oder Beine übereinander schlagen. Dies ist besonders ausgeprägt, wenn wir jemanden gerade erst kennen lernen und er oder sie uns sympathisch ist. Es wird davon ausgegangen, dass es einen Bereich im Gehirn gibt (die sogenannten Spiegelneuronen), der uns und unsere Umgebung immerzu spiegelt, Bewegungen von außen wahrnimmt und eigene vorbereitet. Die Wahrnehmung einer Bewegung prägt dadurch den Drang, diese Bewegung selbst auszuführen. Kommunikationsexperten machen sich diesen Effekt mitunter zu Nutzen und setzen Offenheit und Nachahmung als Instrumente ein, um Übereinstimmung und Vertrauen herzustellen.

Spießig – So what!?

Imitation ist also geradezu ein menschlicher Instinkt. Wir sind grundlegend darauf ausgerichtet, nach Übereinstimmungen zwischen uns und unserem Umfeld zu suchen, Zugehörigkeiten auszumachen, die uns selbst definieren und Verbindungen zu anderen stiften. So überrascht es nicht, dass wir uns für Lebensmodelle entscheiden, die, sagen wir mal alt bewährt und „gut bürgerlich“ sind, die viele unserer Bedürfnisse unter einen Hut bringen. Wir sagen: jeder wie er mag, wenn alles schön ist, nur Mut, an dem Schönen auch festzuhalten. Und am Ende des Tages passen wir uns alle an, ob an die große Masse oder an diejenigen, die sich nicht anpassen – ob wir wollen oder nicht;)

 

 

Quellen:

Chamäleon Effekt. Begriffserklärung im Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Abgerufen am 8.10.2018.

Grundlagen der nonverbalen Kommunikation. Onpulson. Abgerufen am 7.10.2018.

Hipster und Spießer. Irgendwo zwischen ewiger Jugend und Biedermeier. Der Tagesspiegel.de. Abgerufen am 9.10.2018.

Spießer/Spießbürger. Begriffserklärung bei Wikipedia.org. Abgerufen am 9.10.2018

Warum ich aus Leidenschaft Spießer bin. Neon/Stern.de. Abgerufen am 8.10.2018.

YouGov-Umfrage: Wie spießig sind die Deutschen wirklich? Stuttgarter Nachrichten StN.de. Abgerufen am 8.10.2018.

 

 

Bildnachweis: Westend61, #AFVF00559

 

 

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