Hinter den Kulissen, Ratgeber

Einsame Spitze – Darum ist es für Frauen schwieriger Karriere zu machen

Es ist kein Geheimnis aber das macht es nicht weniger ernüchternd: Frauen in Führungspositionen sind nach wie vor rar gesät. Am Grad der Ausbildung liegt das nicht. Woran dann? Julia Wiens lässt uns im Interview daran Teil haben, wie sie es bei den Basler Versicherungen als erste Frau bis in den Vorstand geschafft hat und schildert uns, warum es Frauen heute immer noch schwerer haben, Karriere zu machen und wie sie es dennoch schaffen können.

 

Frau Wiens, Sie die einzige Frau unter 5 Mitgliedern im Vorstand. Hatten Sie schon immer den Plan, sich bis an die Spitze vorzuarbeiten?

Tatsächlich überhaupt nicht. Ich glaube, was das betrifft, gibt es im Wesentlichen zwei Herangehensweisen: Die einen Menschen planen von Anfang an und haben immer ein klares Ziel vor Augen, auf das sie alles ausrichten; Die anderen gehen eher von Schritt zu Schritt, etablieren sich zunächst und schauen erst, wenn Sie sich sicher fühlen, welcher Strauß an Möglichkeiten sich als Nächstes ergibt. So macht man dann immer den Schritt, der zur eigenen Entwicklung an diesem Punkt passt. Von außen betrachtet mag das insgesamt vielleicht nicht so zielstrebig wirken… Das macht aber nichts, denn nach meinen Erfahrungen kann man auch auf diese Weise sehr weit kommen. Sie merken schon, dass mir eher der zweite Weg liegt. Mit Sicherheit können aber beide Wege zum Erfolg führen.

Welche Ihrer persönlichen Eigenschaften haben Sie so weit gebracht?

Mir war  schon immer übergreifende Zusammenarbeit in allen Bereichen, Disziplinen und Standorten besonders wichtig. Ich will die Silos aufbrechen und die Leute miteinander vernetzen und ins Gespräch bringen und habe mir selbst auch ein eigenes starkes Netzwerk aufgebaut. Ich bin davon überzeugt, dass wir nur gute Ergebnisse erzielen können, wenn wir möglichst viele unterschiedliche Sichtweisen einbeziehen. Außerdem stehe ich für Integrität – ich habe Prinzipien und Grenzen, die ich nicht übergehe. Ich stehe zu meinem Wort und spreche Missstände an. Das ist glaube ich auch sehr wichtig in der heutigen Zeit.

Und dann natürlich: Ehrgeiz, Biss, der Wille, etwas zu bewegen und zu gestalten sowie ein erhebliches Energie-Level, Neugier und Freude daran, stetig Neues zu lernen und besser zu werden. Das sind wahrscheinlich Eigenschaften, die einen immer weit bringen, egal ob Mann oder Frau… Dienst nach Vorschrift reicht da einfach nicht.

Was sind die zentralen Faktoren für beruflichen Erfolg?

Es gehören aus meiner Sicht drei Sachen dazu, um erfolgreich Karriere zu machen. Als erstes muss man natürlich fachlich gut und leistungsbereit sein. De facto gehört aber auch ein bisschen Glück dazu… es müssen sich eben auch zur richtigen Zeit Chancen zur Weiterentwicklung bieten und schließlich gehört auch der Mut dazu, diese Chancen dann zu ergreifen. Den Mut kann man selber aufbringen, auf das Glück ist man angewiesen – hier hilft nur: Augen offen halten und zugreifen!

Spielt es für die Zusammenarbeit im Vorstand eine Rolle, dass Sie die einzige Frau sind?

Also, die Zusammenarbeit im Gremium läuft gut. Da muss ich mich nicht immer wieder neu behaupten, dafür kennen wir uns alle lang genug und schätzen uns mit unseren unterschiedlichen Stärken. Und ich bin – glaube ich – auch „Manns genug“, wie man so unschön sagt, um mich da zu behaupten und durchzusetzen. Dennoch macht es wahrscheinlich einen Unterschied, dass eine Frau im Vorstand ist. Frauen diskutieren  Themen ja durchaus anders als Männer.  Auch wenn ich das oft gar nicht bewusst wahrnehme, da ich während meiner Laufbahn sehr oft die einzige Frau in Gremien, Meetings etc. war. Aber genauso macht es einen Unterschied, dass wir unterschiedliche Erfahrungen und kulturelle Hintergründe haben. Diversität – nicht nur auf das Geschlecht bezogen – ist für jedes Team wichtig und bereichernd. Dadurch werden mehr unterschiedliche Sichtweisen ausgetauscht und man kommt insgesamt zu besseren Ergebnissen.

Ist es manchmal schwer für Sie, die einzige Frau im Vorstand zu sein?

Wissen Sie, Sie sind immer im Spotlight als Frau, wenn es so wenige andere Frauen gibt. Sie können nie untertauchen. Es fällt beispielsweise in einer Gesprächsrunde viel mehr auf, ob Sie als Frau etwas gesagt haben, als ob jeder einzelne Mann etwas gesagt hat. Man ist einfach immer irgendwie etwas Besonderes und das kann auch anstrengend sein. So fühlt sich vielleicht jemand mit dunkler Hautfarbe unter vielen Weißen… Ich habe heute Morgen in einem Artikel von McKinsey gelesen: One is the loneliest number. Das fand ich so treffend, weil man als einzige Frau schon manchmal sehr einsam ist…

Hinzu kommt noch ein gewisser Druck, den Frauen in Führungspositionen erleben – insbesondere wenn ihr Posten erstmalig durch eine Frau besetzt wird – nämlich der Druck, die Eignung der Frauen per se für diese Funktion zu beweisen. Wenn ein Mann es nicht packt, war er eben nicht geeignet, wenn eine Frau in dieser Position es nicht packt, heißt es schnell „Experiment: Frau im Vorstand“ gescheitert. Man ist quasi Repräsentantin eines ganzen Geschlechts und hat damit ein Mehr an Verantwortung.

Denken Sie, dass es durch die „Vorherrschaft der Männer“ auch schwieriger für Frauen ist, überhaupt so weit wie Sie zu kommen?

Mit Sicherheit, beispielsweise in Bezug auf Netzwerke auch außerhalb des Unternehmens… da trifft man schon häufig auf „Gruppen“, die nur aus Männern bestehen und da kann und will man als Frau dann auch nicht unbedingt mitmischen. Hier und da driftet die Diskussion dann mal ab und man fühlt sich dann doch etwas fehl am Platz.

Was ich auch noch beobachte, ist, dass Eigenschaften unterschiedlich besetzt sind, je nachdem, ob man diese einer Frau oder einem Mann zuschreibt. Das erlebt man ja manchmal auch im Privatleben… Auf beruflicher Ebene sehe ich das zum Beispiel bei den Themen Empathie / Umgang mit Mitarbeitern und Sozialkompetenz. Da sind die Ansprüche an eine weibliche Führungskraft nach wie vor oft höher als bei männlichen Führungskräften. Wenn ein Mann beispielsweise nicht besonders empathisch ist, ist das meistens kein K.O-Kriterium für seine Beförderung, bei einer Frau wird das hingegen eher als selbstverständlich vorausgesetzt und schneller als Makel empfunden, wenn an der Stelle nicht immer alles perfekt läuft.

Bei allem zusätzlichen Druck – Nehmen Sie die Aufmerksamkeit, die Sie durch ihre Sonderrolle bekommen auch als etwas Schönes wahr?

Ja, auf jeden Fall. Das ist schon toll, anderen Frauen als Vorbild zu dienen, und zu ermutigen, ähnliche Schritte zu gehen. Diese Vorbildfunktion als erfolgreiche Frau ist schön und wertvoll für mich, aber, sie bedeutet eben auch eine gewisse Verpflichtung und Druck. Ich glaube so etwas spüren Männer in der Regel nicht und können das in der Form auch nicht nachempfinden.

Das heißt, Sie würden sich definitiv über mehr Frauen im Vorstand freuen?

Oh, ich würde mich generell über mehr Frauen in Führungsfunktionen freuen, nicht nur im Vorstand. Von 31 Bereichsleiter*innen haben wir nur 4 Frauen, selbst auf Abteilungsleiterebene ist das nicht viel besser… Da würde ich mir schon mehr Frauen als Sparring Partner in ähnlichen Funktionen wünschen.

Auf der anderen Seite war ich in meiner Laufbahn als Mathematikerin schon seit jeher als Frau in der Minderheit und habe mich mittlerweile auch daran gewöhnt. Schon im Mathe-Leistungskurs waren es nur wenige Mädels und auch im Mathematik-Studium lag der Frauenanteil damals noch bei unter 30%. Da ging es schon los…

Grundlegend habe ich dadurch auf jeden Fall keine Berührungsängste – abgesehen davon habe ich ja Zuhause auch 3 Männer (lacht), das ist wohl mein Schicksal. Aber unser Vorstandsvorsitzender hat 4 Frauen daheim, das ist wahrscheinlich auch nicht viel besser (lacht).

Was denken Sie, wie kann es überhaupt sein, dass Frauen nach wie vor schlechter bezahlt werden als Männer?

Also, bei tarifgebundenen Unternehmen, wie wir es ja auch sind, gibt es mal grundsätzlich eine gleiche Bezahlung. Ungleichgewichte können natürlich trotzdem entstehen, zum Beispiel weil Männer weniger in Teilzeit arbeiten als Frauen und damit z.B. eher für eine interessante Projektleitung in Frage kommen als Frauen. Damit einher geht dann ein Mehr an Erfahrungen und Kenntnissen, was sich wiederum in der Bezahlung wiederspiegelt. Erfahrungsgemäß muss ich aber auch sagen, dass Männer viel offensiver in Gehaltsverhandlungen gehen und Frauen da schneller zurückrudern, wenn sie auf erste Widerstände treffen. Männer bereiten sich besser vor, verkaufen sich besser und sind hartnäckiger. Wenn ein Mitarbeiter immer wieder mit solchen Themen auf einen zukommt, ist man als Führungskraft irgendwann einfach zermürbt und gibt vielleicht eher mal nach. Ich habe den Eindruck Frauen sind da grundlegend gehemmter, wollen nicht anecken und nicht unangenehm auffallen.

Da werden Mädchen und Jungen wahrscheinlich schon von Anfang an unterschiedlich erzogen. Sprüche wie „Sei doch kein Mädchen“ sind einem ja leider nicht ohne Grund geläufig. Das ist ein komplexes weites Feld…

Frauen in Führungspositionen neigen dazu, sich typischerweise männliche Eigenschaften anzueignen oder bekommen es mitunter auch empfohlen, bspw. in Bezug auf Sprechweise und Gestik (Stichwort: Weniger ist mehr). Wie stehen Sie dazu?

Das halte ich für völligen Unsinn und würde ich überhaupt nicht empfehlen. Ich habe auch schon von Trainings dieser Art gehört, die einem helfen sollen, einem bestimmten Stereotyp zu entsprechen, aber das ist ja schrecklich, da müsste man ja ständig schauspielern. Natürlich kann es Sinn machen, sich beispielsweise von Experten rhetorisch unterstützen zu lassen, aber bitte immer passend zur eigenen Persönlichkeit. Die Arbeit ist ja anstrengend genug, da sollte man seine Energie nicht darauf verwenden, sich zu verstellen, sondern immer möglichst authentisch sein.

Wir sind Frauen und das sollten wir auch leben und genießen. Ich persönlich finde es zum Beispiel auch schön in puncto Kleidung viel mehr Möglichkeiten und Abwechslung zu haben als meine männlichen Kollegen, das macht mir Spaß, da kann man seine Individualität viel mehr ausleben und heutzutage ist auch schon viel mehr möglich als noch früher.

Manchmal fragt man sich, ob es eine grundlegende Gleichstellung jemals geben wird. Frauen sind ja beispielsweis an die Kinder gerade am Anfang per se enger gebunden als Männer.

Für mich ist einfach wichtig, dass Frauen sozusagen ihren Geist befreien, wenn ich das mal so sagen darf, also sich nicht selbst schon beschränken in den Möglichkeiten, die es gibt. Es gibt Studien, die belegen, dass Mädchen Ihre Stärken schon im Kindesalter schlechter einschätzen und sich weniger zutrauen als Jungen, obwohl ihre Einschätzung dann letztlich nicht der Realität entspricht. Und das ist der Punkt: Wenn man den ganzen Strauß an Möglichkeiten sieht und sich dann dafür entscheidet, Hausfrau zu sein, weil das für einen das Richtige ist, finde ich das super. Aber wenn diese Entscheidung fällt, weil man denkt, man hätte kaum andere Optionen, finde ich das tragisch. Dass Frauen sich mehr zutrauen, mehr Vorbilder haben und sich frei für ihren Lebensentwurf entscheiden können – da müssen wir gesellschaftlich hinkommen. Meinen Weg sehe ich auch als kleinen Beitrag in diesem Sinne.

 

 

Frau Wiens, herzlichen Dank für Ihr Beispiel und Ihre Bereitschaft zu diesem Interview!

 

 

Bildnachweis: iStock, kieferpix, 483910928 / Basler Versicherungen Deutschland, Interview mit Julia Wiens

Interview und Redaktion: Mariella Ott

 

 

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